#1

Schwule Partnerschaften, Kardinal gegen Kardinal (von W. Bergmann)

in Initiativen 26.03.2012 17:22
von martin_r • 522 Beiträge

Der Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini spricht sich in seinem neuen Buch für eine gewisse Anerkennung homosexueller Partnerschaften aus. Dafür hat der Wiener Kardinal Christoph Schönborn ein Problem damit, dass ein Homosexueller, der in einer eingetragenen Partnerschaft lebt, zum Pfarrgemeinderat gewählt wurde.

Die Nachrichten kamen am selben Tag: Der Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini spricht sich in seinem neuen Buch für eine gewisse Anerkennung homosexueller Partnerschaften aus. Nach Ansicht Martinis müsse zwar die traditionelle Familie verteidigt werden, der Kardinal fragt jedoch: "Wenn aber einige Menschen verschiedenen oder gleichen Geschlechts einen Vertrag unterzeichnen möchten, um ihrer Beziehung eine gewisse Stabilität zu geben, warum möchten wir so unbedingt, dass dies nicht sei?" Das meldete "L'Espresso" letzten Freitag in einem Vorabdruck. Die sonst so flinke (der österreichischen Bischofkonferenz gehörige) Kathpress hat diese bemerkenswerte Position bisher totgeschwiegen. Dafür nahm der Wiener Kardinal fast gleichzeitig dazu Stellung, dass ein Homosexueller, der in einer eingetragenen Partnerschaft lebt, zum Pfarrgemeinderat gewählt wurde. "In einer solchen Funktion muss jeder Mensch mit seinem Lebensstil so umgehen, dass er mit den kirchlichen Vorgaben übereinstimmt", erklärte Christoph Schönborn und lud den Mann zur persönlichen Aussprache. Die Frage ist offen, ob der Gewählte sein Amt antreten darf.

Das ist natürlich sexuelle Diskriminierung. Außer Schönborn lädt alle Gewählten seiner Diözese zum Gespräch. Und stellt dieselben Fragen! Gehen wiederverheiratete Geschiedene, die es in den Pfarrgemeinderäten längst gibt, mit ihrem Lebensstil so um, dass sie mit den kirchlichen Vorgaben übereinstimmen? Sollte dem Schwulen das Amt verweigert werden, muss der Erzbischof wohl alle wiederverheirateten Geschiedenen wieder hinauswerfen. Von kirchlich Verheirateten wird sich der Erzbischof im Vier-Augen-Gespräch davon überzeugen lassen müssen, dass sie sich an die Normen von Humanae Vitae (Verbot der künstlichen Empfängnisregelung) halten. Andernfalls: sorry - kein Mitberaten in der Pfarre! Parallel dazu wird er gezwungen sein, mit dem Sündenpfuhl in den katholischen Bildungshäusern aufzuräumen.
Dort ist es längst gang und gäbe, dass bei Pfarrgemeinderats-Klausuren auch Unverheiratete ein Zimmer miteinander teilen. Die Vorlage eines Trauscheines muss hier wohl obligat werden.

Nebenbei kann der Wiener Oberhirte die derzeitige Pfarrgemeinderatsordnung gleich dazu nützen, noch weiter aufzuräumen. Diese kennt den "Gummiparagrafen", wonach Mitglieder des PGR nur Katholiken sein können, die "sich zur Glaubenslehre und Ordnung der Kirche bekennen" (IV.1). Streng genommen muss man dann aber auch jeden, der zum Beispiel für die Aufhebung des Zölibats oder die Zulassung von Frauen zur Weihe eintritt, von vornherein von der Wahl ausschließen, weil diese Forderungen nicht der aktuellen Ordnung entsprechen. Die Mitgliedschaft bei "Wir sind Kirche" wäre demnach mit dem Amt als Pfarrgemeinderat unvereinbar.

Wie viele der 4.575 Gewählten seiner Erzdiözese werden nach einem solchen Gesprächsmarathon des Kardinals noch übrig bleiben?

Noch gibt es einen diplomatischen und vor allem rechtlich einzig richtigen Ausweg: Die Wahlkommission und der Bischofsrat, die diese Woche Tagen, können trotz der einschränkenden Wahlordnung zu dem Schluss kommen, dass das Eingehen einer eingetragenen Partnerschaft dem Katholischen Katechismus in keiner Weise widerspricht. Das Gesetz sagt nämlich über die Partner lediglich: "Sie verbinden sich damit zu einer Lebensgemeinschaft auf Dauer mit gegenseitigen Rechten und Pflichten." Letztere werden so definiert: "Die eingetragenen Partner sind einander zur umfassenden partnerschaftlichen Lebensgemeinschaft und Vertrauensbeziehung, besonders zum gemeinsamen Wohnen, zur anständigen Begegnung und zum Beistand, verpflichtet."

Aufgrund der Wortmeldung Martinis kann die Wahlkommission darauf hinweisen, dass es zu den eingetragenen Partnerschaften keine einheitliche Ablehnung des Lehramtes gibt.

Zudem werden die Gremien der Erzdiözese bei sorgfältiger Arbeit feststellen müssen, dass über ein Sexualleben, das der Katechismus derzeit den gleichgeschlechtlich Empfindenden abspricht, in dem Verpartnerungsgesetz gar nichts steht. Vergleichsweise kann angeführt werden, dass auch ein Klosterkonvent eine kirchlich eingetragene gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft darstellt, wo Menschen füreinander auf Dauer Fürsorgeverpflichtungen eingehen und eine Wohngemeinschaft bilden.

Was den höchstpersönlichen Lebensbereich eines Paares betrifft, so geht dieser weder die Öffentlichkeit noch die Wahlkommission irgendetwas an. Es ist erstaunlich, dass ein Mann mit der Sensibilität Schönborns den Lebensstil eines Einzelnen so öffentlich zur Diskussion stellt (was meines Erachtens im konkreten Fall eben auch eine Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung bedeutet). Ich traue dem Kardinal aber zu, dass er dafür rasch angemessene Worte der Entschuldigung findet.

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 26.3.2012)


zuletzt bearbeitet 26.03.2012 17:25 | nach oben springen

#2

Schönborn schafft vielleicht einen Präzedenzfall (von Hans Rauscher)

in Initiativen 11.04.2012 08:17
von martin_r • 522 Beiträge

Schönborn schafft vielleicht einen Präzedenzfall
Kolumne | Hans Rauscher, 10. April 2012 17:52

Homosexueller Pfarrgemeinderat in Niederösterreich: Kardinal Schönborn entschied sich für die unorthodoxe Lösung

Wegen des Priestermangels ordinieren in zahlreichen Gemeinden besonders Niederösterreichs aus Polen importierte Pfarrer. Wer bei Hochzeiten und dergleichen Gelegenheit hatte, mit diesen Priestern ins Gespräch zu kommen, musste oft eine, gelinde gesagt, sehr konservative Einstellung registrieren.

Ein Vertreter dieser Richtung dürfte auch der aus Polen stammende Pfarrer des Ortes Stützenhofen im Bezirk Mistelbach sein, der nun angekündigt hat, diese Gemeinde nicht mehr mitzubetreuen, nachdem a) ein bekennender Homosexueller in den Pfarrgemeinderat gewählt wurde; und b) Kardinal Christoph Schönborn nach einem Gespräch mit dem jungen Mann dessen Verbleib im Pfarrgemeinderat "auf meine Kappe genommen" hat. Schönborn zeigte sich beeindruckt von dessen "gläubiger Haltung, seiner Bescheidenheit und seiner gelebten Dienstbereitschaft" (er ist Behindertenbetreuer).

Weitere Komplikationen

Nun drohen aber weitere Komplikationen, weil der polnische Hochwürden offenbar zwar inhaltlich konservativ, um nicht zu sagen reaktionär ist, aber technisch up to date. Anscheinend hat er ein Telefonat mit dem Kardinal aufgezeichnet, in dem dieser zunächst sagte, man solle den jungen Mann von der Liste der Pfarrgemeinderäte entfernen.

Diese Enthüllung kann man auch als Angriff auf die Autorität des Kardinals sehen. Zunächst aber ein Exkurs zur Frage, was die Bibel zur Homosexualität sagt. Das Alte Testament (Drittes Buch Mose) bezeichnet diese unter Männern als "Gräuel" und fordert die Todesstrafe. In den Evangelien, also den Lebensbeschreibungen und Heilsverkündungen Jesu, kommt die Homosexualität nicht vor. In den Briefen des Paulus, der die Lehre Jesu weiterinterpretierte, wird sie als Verirrung scharf verurteilt.

In der wissenschaftlichen Literatur gibt es die Ansicht, dass sich sowohl die Autoren des Alten wie des Neuen Testaments vor allem von den Sitten ihrer als heidnisch-dekadent empfundenen Umwelt abgrenzen wollten. "Die heutige Erkenntnis, dass bei zahlreichen Menschen die gleichgeschlechtliche Neigung ein tief verankertes Persönlichkeitsmerkmal ist, war ihnen noch nicht im Blick" (der evangelische Theologe Hartmut Kreß).

Neigung ausblenden

Die heutige katholische Kirche beugt sich der Erkenntnis, dass es eine homosexuelle Neigung eben bei vielen gibt und seit jeher gegeben hat, fordert aber von den Homosexuellen, diese Neigung möglichst nicht auszuleben. Schwierig. Und schwer zu übersehen im Fall von Stützenhofen, dass der junge Mann in eingetragener Partnerschaft mit seinem Lebensgefährten lebt (der beim Termin mit Schönborn dabei war).

Schönborn reagierte offenbar zunächst konventionell, sah sich dann die Umstände näher an und traf eine Abwägung zwischen der Ausstoßung eines wertvollen und beliebten Gemeindemitglieds, oder der Brüskierung der ultrakonservativen Kirchenkreise. Er entschied sich für die unorthodoxe Lösung.

Das ist fast ein Präzedenzfall und wird ihm vermutlich noch Schwierigkeiten bereiten. Aber zurück kann er jetzt wohl kaum mehr. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 11.4.2012)


Martin R.

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#3

Homosexueller PGR in Kaprun

in Initiativen 11.04.2012 14:24
von martin_r • 522 Beiträge

Homosexueller Pfarrgemeinderat in Kaprun
11. April 2012 12:28

44-Jähriger zum dritten Mal wiedergewählt - Pfarrprovisor hat "kein Problem damit"

Salzburg - Markus Casna (44) ist seit elf Jahren Pfarrgemeinderat in Kaprun im Salzburger Pinzgau, seit 19 Jahren lebt er mit seinem Partner zusammen. "Meine Homosexualität ist bei uns kein Problem und auch kein Thema", sagte der Leiter des Kirchenchors am Mittwoch im APA-Gespräch. Die Leute im Ort wüssten über seine Homosexualität Bescheid, und auch Pfarrprovisor Michael Blassnigg (51) stehe zu ihm. Dass der Pfarrer von Stützenhofen (NÖ) die Pfarre wegen eines neu gewählten, homosexuellen Pfarrgemeinderates verlässt, empfinden Casna wie auch Blassnigg als zwischenmenschliches Problem. "Vor Gott sind ja alle Menschen gleich", betonte Casna.

Der Werbefachmann sieht sich in dem 3.000-Einwohner-Ort Kaprun voll integriert und akzeptiert. Er hat seine Beziehung zu seinem Freund vor zwei Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft besiegeln lassen. Auch bei der Pfarrgemeinderatswahl 2012 war die gleichgeschlechtliche Beziehung kein Hindernis. "Wir haben uns ja schon vor Jahren geoutet. Ich bin heuer zum dritten Mal und an fünfter Stelle gewählt worden, von 16 Kandidaten. Wir sind eine aufgeschlossene Gemeinde, es gibt keine Ressentiments. Pfarrprovisor Blassnigg und auch Pfarramtsleiter Toni Fersterer unterstützen mich. Wir sind eine lebendige Gemeinschaft, bei uns gibt es 60 Ministranten."

"Habe mich überreden lassen"

Die Aufgeschlossenheit der Kapruner führt Casna auch auf den Tourismus zurück. Die ganze Welt komme zum Skifahren auf den Gletscher. Vielleicht spiele die Seilbahnkatastrophe vom 11. November 2000 (mit 155 Toten, Anm.) eine Rolle, die Gemeinde habe sich mit tiefgreifenden Problemen auseinandergesetzt und sei dadurch für vieles offener geworden. "Ein Jahr nach dem Unglück waren Pfarrgemeinderatswahlen. Der damalige Dechant - er war 75 Jahre alt - hat zu mir gesagt, er würde mich gerne als Pfarrgemeinderat sehen. Er hat gewusst, dass ich in einer homosexuellen Beziehung lebe. Da habe ich mich überreden lassen", erzählte der 44-Jährige.

Der Pfarrprovisor von Kaprun hebt das große Engagement hervor, das Casna an den Tag legt. "Er ist kreativ, bringt viel ein, layoutet auch das Pfarrblatt. Er ist ein voll engagierter Mensch, ich muss schauen, dass er sich nicht übernimmt", sagte Blassnigg, Pfarrer von Niedernsill im Pinzgau, zur APA. Casnas Homosexualität stelle für ihn kein Problem dar. Dass der Pfarrer von Stützenhofen, Gerhard Swierzek, gehen will, bezeichnete der Salzburger Seelsorger als harten Schritt sowohl für den Pfarrer auch als für den betroffenen Pfarrgemeinderat. "Wenn man mit Homosexualität nicht umgehen kann, ist es vielleicht das Gescheiteste."

Zur Entscheidung von Kardinal Christoph Schönborn, die Wahl des homosexuellen Pfarrgemeinderates Florian Stangl (26) in Stützenhofen zu bestätigen, äußerte sich Pfarrprovisor Blassnigg positiv: "Wenn man den Menschen sieht, sieht man anders. Das Kirchenrecht wird sich auch einmal ändern, es dauert halt länger." Und Markus Casna meinte: "Wir brauchen in unserem Leben Regeln, Gesetze, auch Kirchengesetze. Die sollen aber menschlich sein. Die Beichte ist im Mittelalter erfunden worden, das Zölibat ist auch eine Erfindung der römisch-katholischen Kirche."

Dass Schönborn den Menschen vor das Gesetz stelle, wertete Casna "als massiven Schritt nach vorne für uns alle. Das ist fast ein Ostergeschenk". Die Pfarrerinitiative sei auf einem guten Weg, er sei zuversichtlich, dass der Durchbruch gelinge, auch wenn es noch etwas länger dauern könne. "Wir brauchen auch die Frauen in der Kirche. Vor Gott sind alle gleich. Damit wäre für die Christenheit ja alles geklärt." (APA, 11.4.2012)


Martin R.

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